Der Nutzen von Vorurteilen:
Wir alle haben Vorurteile – und das ist gut so. Vorurteile sind verbunden mit Erwartungen, die es uns ermöglichen, in unserer komplexen Welt zurechtzukommen. Denn das Unbekannte macht uns vorsichtig, das hatte in unserer Evolution durchaus einen Sinn.
Unser Hirn ist auf Überleben getrimmt. Wir leben heute in relativ sicheren Gesellschaften zusammen, doch früher konnte jede Begegnung eine Gefahr darstellen und die Amygdala reagiert daher in Sekundenbruchteilen und bereitet unseren Körper auf Flucht oder Kampf vor, sofort sind wir dadurch in Stress versetzt. Stellt sich heraus, dass keine Gefahr besteht, dann schwächt der präfrontale Kortex die Aktivität der Amygdala wieder ab und wir beruhigen uns. An dieser Funktion hat sich bis heute wenig verändert, doch natürlich spielen Erfahrung und Lernen eine große Rolle und wirken sich auf den generierten Stress und das daraufhin gezeigte Verhalten aus.
Ein Beispiel: An einem Baum, dessen Äste sich unter Schneemassen biegen, gehen wir vorsichtig oder ganz besonders schnell vorbei oder wir machen einen großen Bogen darum. Eine Vermutung warnt uns, dass es sich um eine gefährliche Situation handeln könnte, und wir müssen für diese Erwartung nicht schon selbst von Ästen verletzt worden sein.
Der erste Eindruck entsteht sehr schnell, oft unbewusst und löst ein bestimmtes Verhalten aus. Die Fähigkeit, unsere Reaktionen zu reflektieren, ermöglicht es uns jedoch, dieses Verhalten nicht zwingend auszuführen. Nehmen wir uns etwa die Zeit, den Ast des Baumes genauer zu betrachten, erkennen wir, dass er die Schneemassen gut tragen kann. Außerdem zeigt uns die Größe des Baumes, dass es nicht der erste Winter sein dürfte, dem er standhält. Deduktionen, reflektierte Schlüsse, Prozesse, schließlich ein Urteil, das es uns ermöglicht, selbstbestimmt zu handeln: Wir gehen unter dem Ast durch und nichts passiert, wir haben eine Erfahrung gemacht, die unser zukünftiges Verhalten beeinflussen wird.
Auch gegenüber Menschen verhalten wir uns ähnlich: Größe, Gewicht, Hautfarbe, Geschlecht helfen uns dabei, Menschen in Kategorien einzuordnen. „Könnten wir das nicht, wären wir mit Informationen völlig überladen“, erklärt Hans-Peter Erb, Professor für Sozialpsychologie an der H.S. Universität Hamburg [1].
Das Gefährliche an solch einem „ersten Eindruck“ ist vor allem die Tatsache, dass alle künftigen Informationen sich an ihm messen müssen: Entweder sie bestätigen ihn und sorgen dafür, dass Stereotype sich verfestigen oder sie sprechen dagegen. Doch ob das reicht, den ersten Eindruck aufzuweichen, hängt von diversen Faktoren ab: Lohnt es sich? Sind die Ressourcen vorhanden? Lässt es die Situation überhaupt zu, die eigene Meinung zu ändern? Genau das macht Vorurteile so stabil. Wir alle kennen das Stereotyp: „Deutsche sind pünktlich!“ und vielleicht fallen uns sofort auch unpünktliche Gegenbeispiele ein, doch diese bilden eine neue Kategorie, die klassischen „Ausnahmen, die eine Regel bestätigen“ und somit auch das Stereotyp bestärken.
Vom Kindchen-Schema zur Diskriminierung
Säuglinge und Kleinkinder, aber auch Jungtiere haben körperliche Merkmale (große Augen, runde Formen), die beim Betrachter Fürsorgeverhalten auslösen, weil sie niedlich, hilfsbedürftig und harmlos erscheinen. Ein geschickter Trick der Evolution – doch ein erwachsener Mensch mit einem „Babyface“ braucht diese Fürsorge in aller Regel nicht mehr – diese Merkmale haben nachweislich nichts mit dem Charakter oder den Fähigkeiten zu tun. Um das zu realisieren, bedarf es jedoch eines kognitiven Mehraufwands, zu dem wir meistens in der Lage sind. Trotzdem gelingt es nicht immer und wir schreiben solchen Menschen Hilflosigkeit, Bedürftigkeit oder mangelndes Verständnis zu – der erste Eindruck ist gemacht. Eine amerikanische Studie [3] erkannte, dass kindliche Gesichtszüge bei weißen Männern einer Karriere in Führungspositionen im Wege stehen, während ähnliche Merkmale bei People of Color vermutlich das Vorurteil des „gefährlichen Schwarzen“ aufzuweichen vermögen.
Weiteren Einfluss auf unser Verhalten nimmt beispielsweise der sogenannte Halo-Effekt, der uns attraktiv erscheinende Menschen als intelligenter einstufen lässt und weniger attraktiv wirkende als unfähiger. Dies sind kognitive Abkürzungen, die uns sehr grob und häufig irreführend durch unser Leben leiten, auch weil für fairere Urteile die Zeit fehlt oder aus evolutionsbiologischer Sicht: der Nutzen und die Energie.
Wenn wir dies berücksichtigen, was bedeutet das für unseren Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigung oder Menschen aus anderen Kulturen, Anhängern anderer Religionen?
Betrachten wir kurz das Beispiel Arbeitsmarkt: Der Arbeitsmarkt ist nicht nur ein Spiegel gesellschaftlicher Vorurteile, sondern auch gleichzeitig ein Ort, an dem sie existenzielle Folgen haben können. Zahlreiche Studien belegen, dass Menschen mit „fremdländisch klingenden“ Namen, mit Kopftuch, einem bestimmten Alter oder Geschlecht bei Bewerbungsverfahren benachteiligt werden – selbst bei gleicher Qualifikation.
So zeigte etwa eine Untersuchung aus Deutschland [4], dass Bewerber*innen mit türkischem Namen deutlich seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wurden als Bewerber*innen mit deutschem Namen – trotz identischer Lebensläufe. Auch ältere
Menschen oder Menschen mit Beeinträchtigung haben statistisch schlechtere Chancen.
Diese Diskriminierung geschieht nicht immer absichtlich. Oft handeln Personalverantwortliche intuitiv – und damit auf Grundlage ihrer unbewussten Vorurteile. Doch selbst wenn kein aktiver Rassismus oder Sexismus vorliegt, entstehen dadurch reale Benachteiligungen für viele Bewerberinnen und Bewerber. Und auch die Unternehmen verlieren: Sie verpassen die Chance, Talente jenseits ihrer Stereotype zu erkennen.
Wen würden sie als Empfangsdame für ein Hotel einstellen? (Siehe Bild)
Vorurteile lassen sich nicht vollständig „abschalten“ – aber sie lassen sich reflektieren. Der erste Schritt ist, sich ihrer bewusst zu werden. Wer die eigenen automatischen Reaktionen hinterfragt, erkennt schneller, wo unbewusste Denkmuster das Urteil trüben.
Daher setzen viele Unternehmen mittlerweile auf Diversity-Trainings, anonymisierte Bewerbungsverfahren oder strukturierte Interviews, um Diskriminierung zu minimieren und um bei der Mitarbeitersuche vorurteilsfrei aus dem Vollen schöpfen zu können.
Wie beeinflussen Stereotype unser Verhalten und wie passiert dadurch Diskriminierung?
Eine erste unbewusste Diskriminierung beginnt bei der Verarbeitung der Informationen, die wir aufnehmen, denn lang nicht alles, was in der uns umgebenden Welt passiert, gelangt in unser Bewusstsein. Unser Wahrnehmungsapparat filtert, trennt, selektiert, bearbeitet, speichert - auch hier meistens dem bewährten Plan der Evolution folgend - und beschränkt sich dabei auf relevante, interessante oder besonders auffällige Informationen. Damit kommen wir einen Großteil unseres Lebens gut zurecht, solange wir alleine sind oder uns in sehr vertrauten Gruppen aufhalten.
Die Gruppe, der wir uns selbst - zum Teil auch unbewusst – zuordnen, ist besonders relevant für unser Verhalten. Die Einteilung in Ingroup und Outgroup dient der sozialen Orientierung. Das Individuum kennt seinen Platz, fühlt sich sicher und geborgen. Es herrschen oft die gleichen Annahmen über die Welt und in Bezug auf Ziele, Werte und Gefahren herrscht Konsens. Das kann aber auch zur Abwertung der „Anderen“ führen, besonders wenn Ressourcen knapp sind, Unsicherheit gefühlt wird oder wenn bestimmte Interessen damit verfolgt werden.
Nach und nach kann daraus strukturelle Diskriminierung entstehen, wenn „das Andere“, „das Fremde“ grundsätzlich anders behandelt wird, man denke nur an den Gender Pay Gap - das geschlechtsspezifische Lohngefälle oder das Phänomen des „racial profiling“ – wenn also Menschen aufgrund beispielsweise ihrer Hautfarbe kontrolliert, überwacht oder verdächtigt werden und nicht aufgrund einer Straftat oder eines sonstigen kontrollwürdigen Verhaltens. Beiden liegen Vorurteile zugrunde, keine Urteile, die auf rationalen Prozessen beruhen.
Reflektion über die Gruppe oder die Gruppen, denen man sich zugehörig fühlt, kann helfen, vorurteilsfreier durchs Leben zu gehen. Vorurteile sind menschlich, doch menschlich ist es auch, sie zu reflektieren, sie zu überprüfen und entsprechend zu agieren, nicht nur schlicht zu reagieren.
Wir sind unseren Vorurteilen nicht ausgeliefert
Die Forschung [1, 4] zeigt deutlich, dass bei Begegnung mit Unbekanntem die Beruhigung messbar später eintritt und länger dauert als bei Begegnung mit „der eigenen Gruppe“. Wobei nicht biologisch vorgesehen ist, zu welcher Gruppe wir gehören, wer für uns Freund oder Feind ist.
Mädchen oder Junge, schwarz oder weiß, dick oder dünn, wir und die anderen. Alles, was wir erleben oder hören, füllt diese und alle anderen Kategorienschubladen weiter auf. Das ist praktisch, weil, sparsam aber mitunter auch problematisch, weil in unserer ständig komplexer und vielfältiger werdenden Gesellschaft Vorurteilsschubladen nicht achtlos überfüllt werden sollten, denn sonst verliert sich schnell auch die mitunter
positive Wirkung von Vorurteilen und es kommt vermehrt zu Schwarz-weiß-Denken, Einteilung in Extreme, Rassismus oder Hass gegen Geschlechtervielfalt.
Achtsamer Umgang mit Stereotypen, Kontakt mit dem Fremden, sich auf das einlassen, was man nicht kennt, sind laut Forschung [ebenda] die effektivsten Mittel, um Vorurteile abzubauen und die Vielfältigkeit unserer Gesellschaft, unserer Welt zu erleben und zu genießen, fernab vom schwarz-weißen Holzweg. Gönnen wir uns diese Vielfalt.
Autor: Valentin Meyer, JugendCoachingGiovani
Quellen 1. https://www.quarks.de/gesellschaft/psychologie/darum-haben-wir-alle-vorurteile
2. Kahneman, Daniel: Schnelles Denken, langsames Denken – 2012, Siedler Verlag 3. Livingston, Robert W. & Pearce, Nicholas A.: The teddy-bear effect: Does having a baby face benefit black chief executive officers? (Psychological Science, 2009) 4. Entnommen aus: https://www.ardmediathek.de/video/alles-wissen/wie-vorurteile-unser-denken-bestimmen/hr/Y3JpZDovL2hyLW9ubGluZS8xODY1OTA