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Story  »  Mi, 29/04/2026

Jugend und Arbeit

"Die Zukunft gehört nicht den Maschinen, sondern den Menschen, die mit ihnen umgehen können"


Arbeit ist mehr als nur Geldverdienen: Sie sorgt für Struktur im Alltag, stiftet Sinn und Identität, ermöglicht soziale Kontakte, hält diese aufrecht, gibt der arbeitenden Person das Gefühl der Selbstwirksamkeit und die Gelegenheit auf persönliche Entwicklung. Zum Tag der Arbeit, am 1. Mai hat JugendCoachingGiovani mit Walter Niedermair von der Beobachtungsstelle für den Arbeitsmarkt gesprochen. Themen waren unter anderem Praktika und Künstliche Intelligenz.

Herr Niedermair, was würden Sie Jugendlichen heute raten, damit sie morgen eine bewusste und nachhaltige Berufsentscheidung treffen können?
Jugendlichen würde ich raten, ihre Berufsentscheidung nicht nur an aktuellen Trends, sondern vor allem an den eigenen Interessen, Fähigkeiten und Werten auszurichten. Wer weiß, was ihn/sie wirklich motiviert, trifft langfristig tragfähigere Entscheidungen. Wichtig ist auch, sich verschiedene Berufsfelder konkret anzusehen – etwa durch Gespräche mit Berufstätigen, Schnuppertage oder Praktika. Karrierewege verlaufen heute selten geradlinig: Offenheit für Weiterentwicklung, lebenslanges Lernen und die Bereitschaft, sich neu zu orientieren, sind deshalb genauso wichtig wie eine solide Erstausbildung.

Sie erwähnen das Hineinschnuppern und Praktika. Handelt es sich hierbei um eine Win-win-Situation oder besteht die Gefahr als billige Arbeitskraft ausgenutzt zu werden?
Die Erfahrungen in Südtirol zeigen klar: Sommerjobs und Praktika sind sehr beliebt. Mehr als die Hälfte der 15‑ bis 19‑Jährigen sammelt in Südtirol in den Sommermonaten Arbeitserfahrung. Das unterstreicht den hohen Stellenwert von Sommerjobs und ‑praktika als Einstieg in die Arbeitswelt. Für junge Menschen bedeuten sie nicht nur ein eigenes Einkommen, sondern sie profitieren, weil sie früh Verantwortung übernehmen, Arbeitsabläufe kennenlernen und wertvolle Schlüsselkompetenzen wie Zuverlässigkeit, Teamarbeit und Selbstständigkeit erwerben.
Auch Betriebe haben einen klaren Nutzen: Sie gewinnen motivierte Unterstützung in arbeitsintensiven Monaten und können frühzeitig potenzielle Fachkräfte kennenlernen. Damit tatsächlich eine faire Win‑win‑Situation entsteht, ist jedoch entscheidend, dass der Lern- und Orientierungsaspekt im Mittelpunkt steht. Sommerpraktika dürfen nicht auf reine Aushilfstätigkeiten reduziert werden, sondern sollten altersgerecht gestaltet, begleitet und inhaltlich sinnvoll aufgebaut sein. Dann leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Berufsorientierung – und zur nachhaltigen Fachkräftesicherung.

Sie erwähnen nachhaltige Fachkräftesicherung – ist dies in Zeiten, in denen oft die Rede davon ist, dass künstliche Intelligenz gewisse Tätigkeitsfelder obsolet macht, überhaupt zu gewährleisten? Wie begegnen Sie dieser Sorge vieler junger Menschen?
Diese Sorgen nehme ich sehr ernst – denn sie spiegeln wider, dass junge Menschen aufmerksam beobachten, wie sich die Arbeitswelt verändert. Wichtig ist aber, den Blick zu weiten: Künstliche Intelligenz ersetzt nicht pauschal Arbeit, sondern verändert Tätigkeiten. Routinen werden automatisiert, gleichzeitig entstehen neue Aufgaben, neue Berufsbilder und neue Anforderungen. Das war bei früheren technologischen Umbrüchen nicht anders.
Entscheidend ist daher nicht, einen „KI‑sicheren“ Beruf zu suchen, sondern Kompetenzen zu entwickeln, die dauerhaft gefragt bleiben: analytisches Denken, Kreativität, soziale und kommunikative Fähigkeiten sowie die Bereitschaft, sich weiterzubilden. Gerade junge Menschen bringen hier große Stärken mit. Wer lernt, neue Technologien als Werkzeug zu nutzen statt sie als Bedrohung zu sehen, verbessert seine Chancen am Arbeitsmarkt deutlich.
Kurz gesagt: Die Zukunft gehört nicht den Maschinen, sondern den Menschen, die mit ihnen umgehen können. Bildung, Anpassungsfähigkeit und Neugier sind dabei der beste Schutz vor Unsicherheit.

Auch hier scheint ein Praktikum ein geeignetes Mittel zu sein, um durch Erfahrungen eine fundierte Entscheidung treffen zu können.

Ein Schlusswort, das deutlich darauf hinweist, dass die Mittel, um mit der Zukunft zurechtzukommen gerade in unserem Land ausreichend vorhanden sind. Wir können sie nutzen und so bewusste Entscheidungen für unsere Zukunft treffen. Man lernt nie aus; und eine Arbeit, bei der man dazulernen kann, sich entwickeln kann, wachsen kann, tut langfristig gut. Auch dies ins Bewusstsein zu rücken, ist Sinn dieses Feiertags.

Vertiefende Literatur/Lektüre:

Sommerpraktika 2023 und 2024: Die Sicht der Praktikant:innen | Arbeitsmarkt-News 7/2025, Juli 2025

Wie Jugendliche ihr Sommerpraktikum kommentieren (2011-2024) | Arbeitsmarkt-News 8/2025, August 2025

Im Sommer sammeln über die Hälfte der Jugendlichen Arbeitserfahrung | Arbeitsmarkt-News 9/2025, Oktober 2025