Die Begleitung von Jugendlichen erfordert von Fachkräften der Mobilen Jugendarbeit (MOJA) eine ständige Anpassung an neue Sozialräume. Da sich die Treffpunkte der Jugend zunehmend in digitale Räume verlagern, stand der Arbeitskreis am 19. Mai ganz im Zeichen der digitalen aufsuchenden Arbeit. Knapp 10 Südtiroler Jugendarbeiter*innen kamen zusammen, um im passenden Online-Format den fachlichen Austausch zu stärken und ihre Handlungskompetenz im Bereich der digitalen aufsuchenden Jugendarbeit zu erweitern.
Digitale Lebenswelten verstehen und pädagogisch begleiten
Nach einer kurzen Begrüßung und einer interaktiven Gaming-Nostalgie-Runde durch netz | Offene Jugendarbeit, übernahm Hannes Waldner als Gaming- und Medienexperte das Wort, um das theoretische und methodische Fundament zu legen. Zu Beginn lieferte er eindrucksvolle Zahlen und Fakten, die die Relevanz des Themas untermauerten: Rund 71 % der Jugendlichen geben an, täglich oder mehrmals pro Woche Konsolen-, Computer-, Tablet- oder Handyspiele zu spielen. Die präsentierten Statistiken machten deutlich, dass Gaming längst kein Nischenphänomen mehr ist. Mit einem extrem hohen Anteil an Jugendlichen, die sich täglich in digitalen Spielwelten bewegen, ist dieser Bereich zu einem der zentralen Lebensmittelpunkte junger Menschen - sowohl männlich als auch weiblich - geworden.
In diesem Zusammenhang stieß Hannes eine intensive Diskussion mit den Teilnehmenden an: Inwieweit kann man heute davon sprechen, dass Gaming eine neue Leitkultur darstellt? Die Debatte zeigte auf, dass Gaming weit über das reine Spielen hinausgeht - es prägt nachhaltig das Verhalten, die Kreativität, die Sprache und die sozialen Interaktionsmuster der Jugendlichen von heute.
Im Zentrum stand dabei die Analyse des digitalen Raums als wirkmächtiger Rückzugsort. Während der physische öffentliche Raum für junge Menschen zunehmend reguliert, kontrolliert und verdrängt wird, weitet sich die digitale Welt als Freiraum aus. Eigene Codes, Sprachen und Referenzen schaffen unter Jugendlichen Zugehörigkeit und eine bewusste Distanz zur Erwachsenenwelt. Die Jugendlichen sind als Experten in diesen Welten unterwegs. Hannes betonte, wie wichtig es für die Offene Jugendarbeit (OJA) ist, diese Dynamiken ernst zu nehmen.
Besonders praxisnah wurde es bei den Strategien zur Kontaktaufnahme in anonymen oder halb-anonymen Welten wie Discord, Minecraft oder Fortnite. Es wurde verdeutlicht, wie der schmale Grat zwischen authentischer Präsenz und professionellem Rollenverständnis gelingt: Fachkräfte müssen sich in der Gamer-Welt bewegen und Vertrauen aufbauen können. Dafür müssen wir das Rad allerdings nicht neu erfinden, wie einige Praxisbeispiele in Südtirol bereits zeigen: Darunter z. B. der Verein DUNG mit Formaten wie „Blackout Gaming“, „KiMM Together“, „Esports @Gameground“, Game Jams und Gaming Weeks, aber auch die digitalen Pilotprojekte einiger Einrichtungen wie vom JD Lana-Tisens, dem JuZe Kass, dem Jugendtreff Partschins, dem JUX Lana oder dem Juze Fly. Wichtig ist vor allem, den digitalen Raum nicht zu sehr zu vereinnahmen und zu pädagogisieren, sondern sich an den Bedürfnissen der Jugendlichen anzupassen und so niedrigschwellige Angebote zu schaffen.
Von bayerischen Pionieren lernen: Deep Dive in Discord
Nach einer kurzen Pause verlagerte sich der Fokus vom theoretischen Fundament auf den direkten Einblick in ein etabliertes Praxismodell. Tobias Scheßl von Digital Streetwork Bayern (DSW) präsentierte eindrucksvoll die tägliche Arbeit des Vereins auf der Plattform Discord. Er zeigte auf, wie aus einem reinen Sprach- und Chat-Tool ein lebendiger, digitaler Raum wird, in dem sich junge Menschen frei entfalten können und bei Bedarf Unterstützung für diverse Themen erhalten.
Für konkrete Situationen und Probleme Jugendlicher, die in 1:1-Settings diskutiert werden, hat das Team von DSW ein Ticketsystem etabliert. Über dieses erhalten Jugendliche zeitnah Kontakt zu einem Jugendarbeiter als persönlichem Ansprechpartner und können Gespräche in einem geschützten Rahmen führen, bei Bedarf auch anonym. Zudem wurde veranschaulicht, wie man einen Discord-Server strukturiert aufsetzt und welche Mechanismen zum Schutz der Jugendlichen implementiert werden müssen. Im anschließenden Dialogformat wurde die Brücke nach Südtirol geschlagen: Die Teilnehmenden diskutierten intensiv über die konkrete Umsetzbarkeit und die Rahmenbedingungen eines eigenen, strukturierten Community-Servers für die lokale Mobile Jugendarbeit.
Fazit:
Die Ergebnisse des Arbeitskreises verdeutlichen, dass die Trennung zwischen „online“ und „offline“ in der Realität der Jugendlichen längst aufgehoben ist - sie leben in einer hypervernetzten Welt. Für die Mobile Jugendarbeit bedeutet dies, dass das Smartphone und Online-Server heute genauso zum Sozialraum gehören wie die Straße oder der Park. Der Fachtag hat gezeigt: Um im digitalen Raum wirksam Hilfe zu leisten, braucht es neben dem technischen Know-how vor allem eine klare pädagogische Haltung und auch einfach den Mut, neue Wege zu gehen und in die Lebenswelten der Jugendlichen einzutauchen - zum Beispiel durch das eigene Ausprobieren von Spielen. Die gewonnenen Einsichten unterstreichen, dass Digital Streetwork und die digitale aufsuchende Jugendarbeit kein bloßes Zusatzangebot sind, sondern eine notwendige Weiterentwicklung der MOJA, um Jugendliche niedrigschwellig abzufangen, Räume für Mitgestaltung zu schaffen und eine konstruktive digitale Kultur zu fördern.