Diesen zentralen Fragen widmete sich der Arbeitskreis MOJA am 28. Oktober im Kuba Kaltern, um die Handlungskompetenz im Umgang mit herausforderndem Verhalten und Konflikten zu erweitern. Für die fachliche Expertise waren Jens Meyer und Giuseppe Russo mit dabei, die den Tag mit einer gelungenen Mischung aus fundierter Theorie, psychologischen Hintergründen und praktischen Werkzeugen gestalteten. Beide sind als Anti-Gewalt-Trainer beim Bezirksverein für soziale Rechtspflege Baden-Baden Rastatt in Deutschland tätig und setzen sich in ihrer alltäglichen Arbeit mit Jugendgewalt auseinander.
Von der Haltung zum Verstehen: Ursachen für Gewalt
Den Auftakt des Fachtags bildete die Frage nach der grundlegenden pädagogischen Haltung. Jens Meyer und Giuseppe Russo machten deutlich, dass eine erfolgreiche Beziehungsarbeit auf zentralen Säulen wie Akzeptanz, Empathie, Authentizität, Kongruenz, Wertschätzung und Partizipation beruht. Fachkräfte müssen grenzüberschreitendes Verhalten nicht tolerieren, sollten jedoch versuchen nachzuvollziehen, was dahintersteckt. Es wurde ein entscheidender Leitsatz festgehalten: Verstehen ist nicht gleich bewerten - und Verstehen heißt auch nicht gutheißen. Denn wer sich verstanden fühlt, muss sich nicht mehr verteidigen und kann sich für ein Gespräch öffnen.
Um gewalttätiges Verhalten zu begreifen, ist der Blick auf die Hintergründe unerlässlich. Oft sind es unverarbeitete Bindungs- oder Entwicklungstraumata, chronischer Stress oder schlicht unerfüllte Grundbedürfnisse (wie Anerkennung, Zugehörigkeit oder Autonomie), die zu Frust führen. Aggression und Wut funktionieren dabei im Grunde wie die Warnleuchte im Auto: Sie sind ein lautes Signal für ein Problem, das darunter liegt. Das Verhalten selbst ist dabei aber niemals gleichzusetzen mit der Person.
Konfrontative Pädagogik und deeskalierende Praxis
Nach einer kurzen Pause verlagerte sich der Fokus auf konkrete Interventionsformen und den Arbeitsalltag der Mobilen Jugendarbeiter*innen. Ein zentraler Baustein war dabei die Konfrontative Pädagogik: Sie trennt strikt zwischen der Tat und der Person (Verachtung der Tat bei gleichzeitiger Wertschätzung des Menschen). Fehlverhalten darf nicht einfach übergangen werden, da ein ignoriertes Verhalten ein akzeptiertes Verhalten darstellt. Eine zeitnahe Konfrontation - gestützt auf klare Stufen von freundlichen Gesten bis hin zu klaren Handlungsaufforderungen - fördert die Eigenverantwortung und zeigt die persönlichen sowie gesellschaftlichen Folgen des eigenen Handelns auf.
Praxisnah wurden auch die verschiedenen Konfliktarten (von Beziehungs- über Macht- bis hin zu Wertekonflikten) sowie konkrete Bewältigungsstrategien besprochen. Dazu zählen das Einhalten von Distanzzonen im öffentlichen Raum und der Einsatz von Impact-Techniken zur multisensorischen Aktivierung. Man nutzt einfache, greifbare Gegenstände oder Symbole als Metaphern, um komplexe Probleme oder abstrakte Ideen sofort verständlich und greifbar zu machen. Durch das Einbeziehen von Körper, Symbolen und Sinnen wird eine Intervention viel intensiver und bleibt im Gedächtnis haften.
Fazit: Grenzen setzen und Menschen annehmen
Die Ergebnisse des Arbeitskreises verdeutlichen, dass Gewaltprävention in der Mobilen Jugendarbeit ein feines Gespür für die Motive und Schutzpanzer von Jugendlichen erfordert. Es braucht sowohl eine bedürfnisorientierte Haltung als auch den Mut zur klaren, konfrontativen Grenze.
Die gewonnenen Einsichten unterstreichen, dass Deeskalation und Gewaltprävention feste Bestandteile der MOJA sind, um Jugendliche niedrigschwellig zu begleiten, Sicherheit zu geben und konstruktive Konfliktlösungswege aufzuzeigen.