Psychische Gesundheit bedeutet nicht nur, über Erkrankungen zu sprechen. Sie beginnt dort, wo Menschen lernen, ihre Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken. Über Unsicherheit, Zukunftsängste, Verliebtheit oder Herzschmerz zu sprechen, fällt vielen Jugendlichen schwer – und oft auch Erwachsenen. Kleiner Realitätscheck: Wie gut können wir Erwachsenen eigentlich über unsere eigenen Gefühle sprechen? Das Verstehen der eigenen Emotionen sowie die Fähigkeit, diese zu benennen und auszudrücken, fördern die Selbstwahrnehmung und stärken Selbstvertrauen sowie Resilienz.
Die Rolle der Offenen Jugendarbeit
Hier kommt der Offenen Jugendarbeit eine besondere Rolle zu. Für viele Jugendliche sind Fachkräfte der Jugendarbeit wichtige Vertrauenspersonen außerhalb des familiären und schulischen Umfelds. Sie bieten einen freiwilligen und geschützten Raum, in dem junge Menschen mit ihren Fragen, Sorgen und Gefühlen ernst genommen werden – ohne bewertet oder unter Druck gesetzt zu werden.
Gerade diese verlässlichen Beziehungen sind ein wesentlicher Schutzfaktor für die psychische Gesundheit. Die Offene Jugendarbeit orientiert sich dabei an ihren grundlegenden Prinzipien: Sie ist offen für alle jungen Menschen, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Religion oder Lebenssituation. Sie ist freiwillig, das heißt Jugendliche entscheiden selbst, ob und wie sie Angebote nutzen. Gleichzeitig ist sie niederschwellig: Die Angebote sind leicht zugänglich, unkompliziert und an den Lebenswelten junger Menschen orientiert. Das Prinzip der Vielfalt schafft Raum für unterschiedliche Persönlichkeiten, Lebensentwürfe und Meinungen und fördert gegenseitigen Respekt sowie Teilhabe.
Dadurch entsteht kein Zwangskontext, sondern eine Atmosphäre, die von Eigeninitiative und Vertrauen geprägt ist. Offene Jugendarbeit ist nicht erst da, wenn es Probleme gibt – sie stärkt Gesundheit im Alltag.
Die Lebensweltenstudie 2025 zeigt, dass das psychische Wohlbefinden Jugendlicher in Österreich leicht zurückgegangen ist. Besonders auffällig ist: Nicht deutlich mehr Jugendlichen geht es schlecht – vielmehr geht es weniger Jugendlichen richtig gut. Gleichzeitig berichten 8 bis 13 Prozent von einer sehr geringen Lebensqualität. Diese Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig Orte sind, an denen junge Menschen frühzeitig Unterstützung und verlässliche Beziehungen finden. (Quelle: Studie: Lebenswelten 2025. Einstellungen und Werte von Jugendlichen in Österreich)
Doch wie unterstützt Offene Jugendarbeit junge Menschen dabei, über persönliche Themen, Gefühle und psychische Gesundheit ins Gespräch zu kommen?
Jugendliche öffnen sich dort, wo sie Vertrauen spüren, ernst genommen werden und erleben, dass ihre Gedanken und Gefühle Platz haben. Oft braucht es zunächst einen passenden Zugang, um das Eis zu brechen und zu vermitteln: Es ist in Ordnung, über das eigene Erleben zu sprechen.
Genau hier können niederschwellige Methoden und Materialien eine wertvolle Unterstützung sein. Sie schaffen einen Anlass, um miteinander ins Gespräch zu kommen, ohne dass sofort ein „schweres“ Thema im Mittelpunkt stehen muss.
Das Kartenspiel «Und du so?», entwickelt vom Dachverband der Offenen Jugendarbeit Schweiz, setzt genau dort an. Mit verschiedenen Fragen und Gesprächsimpulsen lädt es Jugendliche dazu ein, über Erlebnisse, Gefühle, Gedanken und persönliche Erfahrungen zu sprechen. Diese Grundsätze machen die Offene Jugendarbeit zu einem Ort, an dem Beziehungen wachsen können. Die Wirkung solcher Methoden entsteht deshalb nicht allein durch die Fragen auf den Karten, sondern vor allem durch die vertrauensvolle Begleitung der Fachpersonen. Sie schaffen Gelegenheiten, miteinander ins Gespräch zu kommen, Gefühle zu benennen und die Erfahrung zu machen: Mit meinen Gedanken und Emotionen bin ich nicht allein.
Manchmal braucht es nur eine gute Frage, um ein wichtiges Gespräch in Gang zu bringen – und genau dazu lädt «Und du so?» ein.
Zu bestellen: «Und du so?» Kartenspiel – psychische Gesundheit spielerisch stärken | unicef.ch
Während das Kartenspiel «Und du so?» über den spielerischen Zugang Gespräche anregt, bietet das Reflexions- und Informationstagebuch „Wie geht es DIR?“ einen persönlichen Zugang zur Auseinandersetzung mit der eigenen psychischen Gesundheit.

Das Reflexions- und Informationstagebuch „Wie geht es DIR?“ unterstützt Jugendliche dabei, sich mit ihrem Wohlbefinden auseinanderzusetzen. Mithilfe von Reflexionsfragen, Übungen und Informationen zu Themen wie Selbstfürsorge, Mindset oder Unterstützung im eigenen Umfeld entdecken sie persönliche Ressourcen und entwickeln Strategien für herausfordernde Situationen. Ein A–Z der psychischen Gesundheit bietet zusätzliche Orientierung.
Wie-geht-es-dir_Neuauflage-2026_web_DS_2026-03-17-1.pdf
In der Offenen Jugendarbeit kann das Material als niederschwelliger Gesprächsanlass eingesetzt werden. Es unterstützt Fachkräfte dabei, mit Jugendlichen über Gefühle, Belastungen und psychische Gesundheit ins Gespräch zu kommen und gleichzeitig zu vermitteln: Es ist wichtig und in Ordnung, darüber zu sprechen und sich Unterstützung zu holen.
Auch in der Zusammenarbeit mit Erziehungsverantwortlichen bietet das Heft wertvolle Impulse, um Verständnis für die Lebenswelt junger Menschen zu fördern und Gespräche über psychisches Wohlbefinden anzuregen.
Psychische Gesundheit zu fördern, bedeutet nicht, auf Krisen zu warten. Es bedeutet, Räume zu schaffen, in denen junge Menschen sich gesehen fühlen, Vertrauen aufbauen und lernen, über ihre Gefühle zu sprechen. Genau diese Räume schafft die Offene Jugendarbeit Tag für Tag. Sie bietet einen Gegenpol zu Leistungsdruck, Noten und hohen Erwartungen. Hier zählt nicht, was junge Menschen leisten, sondern wer sie sind. Sie erfahren Wertschätzung, können ihre Stärken entdecken, ihre Kompetenzen weiterentwickeln und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gewinnen. So stärkt die Offene Jugendarbeit die psychische Gesundheit junger Menschen – durch Beziehungen, Beteiligung und das Gefühl: Du bist richtig, so wie du bist.“
Verfasserin: Marina Peter (netz | Dachverband Offene Jugendarbeit)